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Dorfgeschichten

Dorfjugend darf heimlich rauchen bei "Tantes Pett"

Friedrich Saure aus Goldhausen erinnert sich an seinen Nachbarn Fritz Schäfer

Anwesen von Tante PettDas bescheidene Anwesen von "Tantes Pett" in Goldhausen: ein einfaches Fachwerkhäuschen mit alten Ziegeln auf dem Dach, daneben der Holzstall, ein schmaler Garten. (Fotos: pr)

Korbach-Goldhausen.
Fachwerk-Katen mit kleinen Gärten – dort waren in der Regel die armen eines Dorfes zu Hause. Sie gab es auch noch in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten, als noch Knechte und Mägde im Dienst von Großbauern standen und Tagelöhner ihr auskommen suchten. Doch die "soziale Marktwirtschaft" bescherte auch auf dem Land den meisten mehr oder weniger Wohlstand, Armut wurde zur Ausnahme. Malermeister Friedrich Saure schreibt über seinen Nachbarn in Jugendjahren, Fritz Schäfer, genannt "Tantes Pett". Er gehörte zu denen, die früher Unterstützung von der Gemeinde bekamen.

Tantes Pett. Für viele sicher ein seltsamer Name, der ihnen nichts sagt. Aber für einige alte Goldhäuser ist er ein fester Begriff. Unweit unseres alten Hauses stand ein kleines, fast zerfallenes Häuschen, in dem wohnten Tante und Pett. Früher war es so, dass unverheiratete Frauen, besonders im Alter, von allen Tante genannt wurden. Und ein unverheirateter Mann, das war ein Pett. Das kommt sicher von Petter her, dem Mundart- Wort für Pate.

Und so lebten also die Tante und ihr unehelicher Sohn Fritz gemeinsam in diesem Häuschen. Daher war der Fritz "Tantes Pett". Die beiden hatten bis an ihr Lebensende nur ein gemeinsames Bett. Die Mutter hieß Luise Schäfer und ihr Sohn Fritz, der Pett, das war der Fritz Schäfer. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ihn einige ältere Leute Schöneweiß nannten. Ein Schöneweiß war wohl als Vater im Gespräch. Da wurde er fuchsteufelswild, denn mit dem wollte er nicht in Verbindung gebracht werden.

Nun zum Haus. Da befand sich hinter der Haustür ein kleiner Eingangsflur mit einem besteigbaren Kamin. Dann kam man in einen Vielzweckraum, Wohn-Ess-Schlafzimmer, Küche und Waschraum. Das Mobiliar bestand aus einem Tisch, zwei Truhen, einem Bett und einem gusseisernen Kachelofen. Um den wurde das Brennholz zum Trocknen gelagert. Dann gab es noch einen kleinen Abstellraum, unter dem sich, mit Holzlatten abgedeckt, ein kleiner, ein Meter tiefer Kartoffelkeller befand. Auf der Rückseite des Hauses waren die "Toilette" angebaut – ein Lattenverschlag – und einige Kaninchenställe mit Lüftungsklappen, handwerklich sehr gut ausgeführt. An der Seite waren zur Abstützung einige Ziegelsteine und exakt behauene Bruchsteine gestapelt. An der Straßenseite waren aus dem gleichen Grund einige Stützpfosten aufgestellt.

Hobelbank im Stall

Nach Südwesten schlossen sich ein kleiner Garten und zwei Holzställe an. Dabei muss ich noch erwähnen, dass in einem eine Art Hobelbank eingebaut war. Dort wurden einige Anfertigungen und Reparaturen für uns Kinder ausgeführt. Es dauerte manchmal sehr lange, bis er tätig wurde, aber für uns hatte er immer ein Ohr.

Nun aber zurück zu Tantes Pett. Er war 1890 mit den kaiserlichen Truppen an der Niederschlagung des "Boxeraufstandes" in China beteiligt. Und nicht nur das machte ihn für uns Kinder so interessant. Er hat es fertiggebracht, die Spannung auf seine Reisekiste bis zu seinem Lebensende hochzuhalten und noch zu steigern – er nannte sie nur die "Hongkong- Kiste". Wir hatten alle möglichen Überraschungen erwartet, deshalb waren wir bei der Öffnung schon etwas enttäuscht: Diese Kiste enthielt eine kleine Schlange, eine Art Blindschleiche, einen Chinesenzopf und einige Bilder. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Während des Zweiten Weltkrieges war Verdunkelung vorgeschrieben, deshalb hatte er ein paar alte Lappen vor die Fenster gehängt. Eines hat er nach Ende des Krieges wieder etwas geöffnet, das andere ist bis zum Abriss des Hauses verdunkelt geblieben.

Schwarzes Zimmer

Unser erster Lehrling, Helmut Schäfer aus Goddelsheim, hatte ihm, etwa 1954, mal angeboten, das Zimmer weiß zu machen. Seine Antwort war: "Du dummer Junge, ich habe doch gerade erst neu schwarz gemacht!" So war er eben, der Pett.

Es gab einige feste Rituale bei Tante und Pett. Abends wurde der Kaffee für den anderen Tag gekocht – natürlich Malzkaffee, Bohnenkaffee konnte sich damals ja noch keiner leisten. Und der wurde grundsätzlich kalt getrunken. Ich sehe heute noch die weiße Emaille-Kanne auf dem Tisch stehen.

Das Anmachholz für den Ofen wurde im Wald geholt und gebündelt, und zwar in den dichteren Fichtenbeständen die bereits am Stamm getrockneten Äste. Das war dann schon eine größere Aktion. Manchmal wurden auch Eier gebacken, mit Mehl verlängert und mit Lauch aus dem Garten gewürzt. Da haben wir Kinder auch gern mal probiert, aber das durften unsere Eltern nicht wissen.

Die beiden aßen meistens Brot und Speck – einfach, billig und gesund. Wir mussten als Kinder oft auch Reste von uns rüberbringen.

Mir ist es heute noch ein Rätsel, wie die beiden ihren Lebensunterhalt bestritten haben. Die Tante bekam von der Gemeinde etwas Sozialgeld. Wir mussten das jeden Monat beim Gemeinderechner Karl Schüttler abholen. Ich meine, es wären damals so um die zwölf Mark gewesen.

Pett hat auch manchmal gearbeitet – als Zimmermann, Steinmetz oder als Dreher bei der Firma Schmal in Lelbach, die während des Zweiten Weltkrieges Panzerräder gedreht hat. Er war sehr geschickt und nicht dumm, aber leider nicht zuverlässig. Ab und zu kam der Inhaber Schmal mit dem Fahrrad nach Goldhausen und guckte, ob der Fritz nicht mal wieder kommen wolle.

Gewissenhaft beim Dreschen

Tante Pett

Fritz Schäfer aus Goldhausen. Der Veteran der kaiserlichen Armee schlug sich als Gelegenheitsarbeiter durch.

Oft wurde er auch beim Dreschen eingesetzt, als Einleger, der die Aufgabe hatte, die Fruchtbunde möglichst gleichmäßig in die Dreschmaschine einzugeben. Eine Arbeit, die er sehr gewissenhaft ausgeführt hat. Aber nicht bei allen, nur bei denen, die ihn beim Schlachtefest nicht vergaßen.

Es war so Sitte geworden, dass der größte Teil des Dorfes den beiden vom Schlachtefest etwas brachte, und die das nicht taten, hatten schlechte Karten bei ihm. Sehr schlechte. – Ich kann mich noch daran erinnern: Als seine Mutter gestorben war, ist meine Mutter mit der Nachbarin ins Haus gegangen, und sie haben die Leiche zurechtgemacht.

Oft war beim Pett der Treffpunkt der männlichen Dorfjugend. Bei ihm durften die Burschen rauchen und auch schon mal mit einem kleinen Kleinkaliber- Gewehr auf Spatzen schießen. Welchen Jungen hätte das damals nicht gereizt?

Spannend waren auch die Geschichten, da hatten die beiden eine rege Fantasie. Auch die Geschichten vom Ersten Weltkrieg und der englischen Gefangenschaft, in die er geraten war. Pett war Kommunist. Das war im "Dritten Reich" nicht ganz ungefährlich, aber im Dorf hat ihn keiner denunziert. Als Religion gab er "gottlos" an.

Eines Tages, es muss so Anfang der Sechzigerjahre gewesen sein, hatte er sich ein Bein gebrochen. Er machte keinen guten Eindruck, und wir hatten schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Deshalb wurde eine Nachtwache organisiert. Die erste Schicht bis Mitternacht übernahmen die Nachbarn Friedrich Behle und Friedrich Zimmermann. Die zweite Schichte bis zum anderen Morgen übernahmen Heinrich Zenke senior und ich.

Ins Krankenhaus

Am anderen Morgen war er schon wieder besser drauf, er sagte: "Ich habe alles mitgekriegt, was ihr über Nacht gesprochen habt." Durch Zufall entdeckten wir unter seinem Kopfkissen einen kleinen Trommelrevolver, den wir ihm abgenommen haben. Ich konnte nicht widerstehen und habe später mal einen Schuss damit abgefeuert. Das Ergebnis war ein total aufgeplatzter Lauf. Es blieb keine andere Wahl, der Pett musste nach Korbach ins Krankenhaus, wo er sich ganz wohlgefühlt hat.

Die Probleme tauchten erst auf, als er nach seiner Entlassung wieder in sein Haus gebracht werden sollte. Bei einer Inspektion stellte der damalige Bürgermeister Heinrich Zenke fest, dass es nicht möglich sei, in dem Haus zu wohnen. Überall hatte es durchgeregnet, auf dem Tisch wuchs Schimmel. Der eingeschaltete Amtsarzt aus Korbach hat nach einer Besichtigung eine sofortige Einweisung in das Altenpflegeheim im Rhoder Schloss angeordnet. Für die letzte Nacht in Goldhausen haben wir ihm ein Bett in unserem Haus zur Verfügung gestellt. Nun war er also in Rhoden, ich denke, dass er dort noch einige schöne Jahre verbracht hat.

Post aus Rhoden

Tantes Pett

Fritz Schäfer im "Sonntagsstaat". Friedrich Saure schätzt ihn als "außergewöhnlichen Menschen". (Fotos: pr)

Ab und zu bekamen wir auch Post von ihm, manchmal mit seltsamem Inhalt. Einmal schrieb er zum Beispiel: "Gestern war er wieder da, der schwarze Himmelspilot" – er meinte den Pfarrer. Dann schrieb er mal: "Ich bete immer: Lieber Vater, der Du bist im Himmel und an allen Ecken, Du siehst doch, wie's mir geht, drum lass mich bald verrecken."

Es war uns auch nicht immer so ganz angenehm, weil er offene Postkarten schrieb. Aber wir haben den Kontakt bis an sein Lebensende aufrechterhalten. Ich habe ihn jedes Jahr einmal nach Goldhausen geholt, immer an Fronleichnam. Da hat er sich schon lange vorher drauf gefreut. Er saß schon reisefertig auf der Bank.

Goldhäuser Original stirbt im Rhoder Altersheim

Obwohl er ja wirklich kaum etwas zur Verfügung hatte, für meine jüngere Schwester Erika hatte er immer einige kleine Überraschungen in der Hand, mal einen Bleistift, Buntstifte oder Radiergummi. Ja, unsere Erika, die hatte schon die letzten Jahre ein bisschen Einfluss auf ihn. Sie durfte sogar mit Vahlands Rosemarie sein gesamtes Bettzeug ausräumen und im Steinbruch verbrennen und das Bett wieder neu herrichten.

"Zu Lehrzwecken"

Eines Tages kam dann der Anruf beim Bürgermeister, dass der Fritz Schäfer in Rhoden gestorben sei. Ob in Goldhausen jemand Wert darauf lege, dass er dort beerdigt würde, fragten sie. Andernfalls käme er zu Lehrzwecken zur Universität nach Marburg. Und so ist es dann auch gelaufen.

Tantes Pett HausNach dem Tode Fritz Schäfers riss die Nachbarfamilie Saure das Häuschen ab, um Platz für einen Neubau zu gewinnen – was sich als gar nicht so einfach erwies.

Schon zu Lebzeiten haben wir mit ihm über den Fall seines Todes und der Beerdigung gesprochen, weil er ja von der Kirche und dem Pfarrer nichts wissen wollte. Was solle dann werden, wenn? Seine Antwort lautete: "Dann könnt ihr mich ja mit dem Misthaken irgendwo einkratzen." Sicher eine makabre Antwort eines außergewöhnlichen Menschen.

Wer eigentlich Eigentümer des Häuschens war? Ich nehme an, die Gemeinde. Der gehörte jedenfalls der Grund und Boden. Den konnten wir dann erwerben und bebauen. Wir hatten angenommen, es wäre leicht, das bereits überall abgestützte Häuschen einzureißen. Aber unser Nachbar Willi Zimmermann hat es mit seinem Trecker, einem Hanomag, nicht geschafft. Wir mussten es Stückchen für Stückchen abbauen.

WLZ - im Februar 2011