Geschichtliche Berichte zum Schloss Eisenberg und zum
Bau des Georg-Viktor-Turms
Quelle: "Mein Waldeck, die Heimatbeilage der
Waldeckischen
Landeszeitung,
herausgegeben von Dr. Ursula Wolkers im Mai 2005
Das Grafenschloss auf dem Eisenberg

Georg-Viktor-Turm und Grundmauern des
Grafenschlosses.
Von
Dr. Wolfgang Medding
Die bewaldete Kuppe des Eisenberges überragt weithin sichtbar
die Korbacher Hochebene, auf welcher sich heute der zum Gedächtnis an
den Grafen Georg Viktor von Waldeck im Jahre 1905 errichtete
Aussichtsturm erhebt. Einst aber stand hier ein Schloss der Waldecker
Grafen. Die Linie des gräflichen Hauses, die seit der zweiten Waldecker
Landesteilung im Jahre 1487 hier residierte, nannte sich nach dem
Schloss und Berg die Eisenbergische. Das Schloss hat auch dem ganzen Amt
und später dem Kreis den Namen gegeben.
Eine lange und reiche Geschichte ist mit diesem Berg und Schloss
verknüpft. In früheren Zeiten glaubte man, dass hier ein altes
heidnisches Heiligtum gestanden habe, in dem die Göttin Iside von den
Batavern und den alten Bewohnern des Waldecker Landes verehrt wurde.
Noch Friedrich August von Klettenberg, der Kanzler des Fürsten Friedrich
Anton Ulrich von Waldeck, berichtet um 1738 darüber, doch knüpft auch er
schon einige Zweifel an diese Auslegung und meint, dass der Name dieses
Berges doch wohl eher von dem Eisen, das man in früheren Zeiten hier
gefunden habe, seinen Namen trage. Schon im 13. Jahrhundert wusste der
große Philosoph und Gelehrte Albertus Magnus, der damals in Köln lehrte
und ein Mann von weltbekanntem Ruf war, dass man in diesem Berg Eisen
und andere edle Metalle gefunden habe. Später, besonders im 15. und 16.
Jahrhundert, hat man dann das Gold, das im Innern des Berges ruhte,
ausgebeutet und mit einer Reihe von Bergwerks-Gesellschaften, selbst mit
den Fuggern in Augsburg, in Verbindung gestanden.
Karolingische Königsburg
Auch politisch hat der Berg eine wichtige Rolle gespielt. Auf einem
Vorsprung der Nordostseite stand in karolingischer Zeit eine alte
Königsburg, auf der ein königlicher Beamter seinen Sitz hatte und unter
Königsbann Gericht hielt. Und 1249 fand hier eine wichtige Versammlung
von geistlichen und weltlichen Würdenträgern statt, unter denen sich der
Erzbischof von Köln, Konrad von Hochstaden, Bischof Simon von Paderborn,
Abt Hermann von Corvey und Graf Adolf I. von Waldeck befanden.
Burg seit der Mitte des 14. Jahrhunderts
Eine Burg auf der Kuppe des Berges lässt sich erst seit der Mitte des
14. Jahrhunderts nachweisen. Damals wohnten die Herren von Nordenbeck
dort. Doch schon 1367 war sie im Besitz der Grafen zu Waldeck und wurde
von Graf Otto II. und seinem Sohn Heinrich dem Eisernen an den Ritter
Hermann von Rhena versetzt. Nach langwierigen Kämpfen zwischen den
Söhnen Heinrichs des Eisernen trat 1421 Graf Heinrich VII. das Schloss
an seinen Bruder, den Grafen Adolf IV., und dessen Sohn Otto III. ab. In
diese Zeit fällt auch die Gründung des Amtes Eisenberg, und als erster
Amtmann auf dem Eisenberg wird 1459 der waldeckische Ritter Curt von
Geismar genannt. Seit Gründung der Eisenberger Linie durch Graf Philipp
II. aber war das Schloss auf dem Eisenberg gräfliche Residenz.
Rekonstruktion
des alten Schlosses auf dem Eisenberg (um 1620). (Aus dem Ftthrungsblatt:
Burg Eisenberg bei Goldhausen. Landesamt für Denkmalpflege Hessen,
1981.)
Ausbau zum Schloss seit 1500
Seit 1500 ließen die Grafen das Schloss ausbauen und erweitern. Graf
Philipp II. begann mit der Errichtung eines neuen Schlossflügels und
eines dazu gehörigen großen Turmes, der die Jahreszahl 1500 trug, und
sein Sohn Graf Philipp III. ließ, nachdem er im Januar 1519 die Gräfin
Anna, die reiche Tochter des Herzogs von Cleve, geheiratet hatte, den
Schlossbau weiterführen. Dieser ältere Wohnbau des Schlosses trug über
seinem Portal die Jahreszahl 1520 und das Waldeck-Cleve'sche
Allianzwappen, das heute am Georg-Viktor-Turm vermauert ist.
Graf Wolrad II., der Gelehrte, ließ dann seit 1563 einen neuen
Schlossbau ausführen. Es war der vordere Flügel, jene um einen Innenhof
sich gruppierende Gebäude mit dem Haupttor, über dem sich ein in Relief
ausgeführter Palmbaum, das Wahrzeichen der Waldecker Grafen, die
Jahreszahl 1564 und die Anfangsbuchstaben eines lateinischen Wahlspruchs
von Graf Wolrad befanden. Auch dieser Teil des Schlosses zeigte das
Allianzwappen seiner beiden Erbauer, des Grafen Wolrad zu Waldeck und
seiner Gemahlin, der Gräfin Anastasia Günthera von
Schwarzburg-Sondershausen.
Auch Graf Wolrads Sohn und Nachfolger, Graf Josias I. von Waldeck, hat
an dem Schloss weiter gebaut und es in den Jahren 1586-93 mit schönen
Gebäuden erweitert. Von ihm wurde auch die Schlosskirche ausgeführt.
Sein Baumeister war der Italiener Pietro Robustello. Für die Ausführung
standen der Steinmetzmeister Hans Keßler aus Kassel, der Bürger zu
Korbach war und meist Hans Steinmetz genannt wurde, und sein Geselle
Kaspar Kauffmann zur Verfügung. Es muss ein stattliches Gebäude gewesen
sein, das außer der Kirche in diesen Jahren errichtet wurde, denn es
werden ein neuer großer Saal, die Kanzlei, die neue Küche, die
Badestube, die Gemächer des Grafen Josias, eine Wendeltreppe und
zahlreiche andere Räume in den Bauakten genannt. Die Vollendung hat der
Graf nicht mehr erlebt. Er starb am 6. August 1588. Das Schloss wurde
von seiner Witwe, der Gräfin von Barby und Mülingen, und dem Grafen
Franz III. zu Waldeck von der Landauer Linie als Vormund der noch
unmündigen Söhne des Grafen Josias bis 1593 zu Ende geführt.
Große Feste und politische Beratungen
Bis zu diesem Zeitpunkt muss Schloss Eisenberg eines der stattlichsten
und schönsten Schlösser des Waldecker Landes gewesen sein. Vier
Generationen hatten daran gebaut und an seiner Vervollkommnung und
Ausstattung gearbeitet. Zahlreiche Feste waren anlässlich von Geburt,
Taufe und Vermählung von Mitgliedern des gräflichen Hauses hier gefeiert
worden. Wir erfahren von Theater- und Opernaufführungen, aber auch von
ernsten staatspolitischen Zusammenkünften und Beratungen, als es sich um
die Durchführung der Reformation in der nahe gelegenen allzu
widerspenstigen Hauptstadt Korbach oder um die Teilnahme am
Schmalkaldischen Krieg, die kaiserliche Vorladung vor den Reichstag zu
Augsburg oder die vom Kaiser befohlene Durchführung des Interims im
Lande Waldeck handelte. Sorgen des Alltags und der hohen Politik
wechselten so mit freudigen Ereignissen und Familienfeiern.
Über das Aussehen des Schlosses zu dieser Zeit unterrichten uns am
besten die Stiche von Meisner und Merian. Der Meisner'sche Stich mag der
zuverlässigere sein. Er zeigt rechts den vom Grafen Josias errichteten
Bauteil und ganz links die Schlosskirche. Zwischen beiden aber lag der
Komplex der älteren Wohnbauten, der sich um einen Innenhof gruppierte
und von dem großen Bergfried überragt wurde. Von außen umgab eine feste
Mauer mit Wällen und Gräben das Ganze. Außerhalb des eigentlichen
Schlossbezirkes aber lag das „Vorwerk" mit den Wirtschaftsgebäuden und
der Schmiede.
Plünderung und Verwüstung durch hessische Truppen
Schneller noch, als sie entstanden, ist all diese Herrlichkeit wieder
verschwunden. Als Landgraf Moritz von Hessen im Jahre 1621 von den
Korbachern in ihrem Streit mit der Landesherrschaft zu Hilfe gerufen
wurde und das ganze Land besetzte, drang auch eine Abteilung hessischer
Truppen in das gräfliche Schloss ein, machte die Wache nieder und
vertrieb den dort zurückgelassenen Amtsschreiber. Das Schloss wurde
geplündert und verwüstet und stand hiernach einige Jahrzehnte leer.
Im Jahre 1640 ließ Graf Philipp Theodor es notdürftig herrichten und
bewohnte es einige Zeit. Im Juli 1649 schlug der Blitz in das Schloss
ein und verursachte einen Brand an Turm und Gebäuden. Noch einmal ließen
es Graf Heinrich Wolrad und seine Gemahlin, die Gräfin Juliane
Elisabeth, 1662 wieder herstellen, doch als Heinrich Wolrad schon zwei
Jahre später in einem Türkenfeldzug starb, verließ auch seine Witwe das
Schloss und zog nach Niederwüdungen. Ein letztes Mal besuchte Juliane
Elisabeth das Schloss auf dem Eisenberg im Jahre 1669, aus welchem
Anlass der Hofprediger Jacob Reichard zum letzten Mal in der Kapelle
predigte.
Der Verfall
Dann blieb das Schloss unbewohnt und verfiel allmählich. Ein Sturm riss
im Jahre 1689 die Dächer der Gebäude herunter und vernichtete sämtliche
Fensterscheiben. Wind und Regen fegten durch die Räume und führten das
Werk der Zerstörung weiter. Im Jahre 1704 war das Schloss völlig
verwahrlost, als das „Vorwerk" mit sämtlichen Wirtschaftsgebäuden der
Domäne abbrannte. Um 1720 brach man Balkenwerk und Steine aus dem alten
Schloss, um sie zum Wiederaufbau der Meiereigebäude zu verwenden.
Seitdem war das Schloss nur noch eine Ruine, aber auch diese verfiel und
wurde von den Bewohnern der umliegenden Ortschaften, insbesondere des
Dörfchens Goldhausen, als Steinbruch verwandt. Schließlich verschwanden
auch die letzten Reste allmählich unter dem Waldboden.
Bei Errichtung des Georg-Viktor-Turmes wurde das Gelände teilweise
planiert, doch zum großen Teil lassen die Bodenformationen auf der
Spitze des Berges noch erkennen, wo einstmals die Mauern des stolzen
Schlosses gestanden haben.
Ausgrabungen auf dem Eisenberg
(1974-1986)
Dr. Jens Kulick und seine Mitstreiter förderten Zeugnisse der
Geschichte zutage - Von Ursula Wolkers
Bis 1973 konnte man nicht sehen, dass auf dem Eisenberg einmal ein
Schloss gestanden hatte. Der Platz vor dem Georg-Viktor-Turm war vor dem
Bau planiert worden. Die Steine der alten Residenz hatten die Landwirte
aus den benachbarten Ortschaften bereits vor vielen Generationen als
Baumaterial abgefahren. Nur einige überwachsene Steinhaufen verrieten
dem Kenner archäologischer Stätten, dass hier einmal „etwas gewesen sein
muss". Waldecker Historikern war die Burg und das spätere Schloss, die
so ganz vom Erdboden verschwunden waren, nur noch aus der Literatur
bekannt.
Grabungsleiter
Dr. Jens Kulick bei der Arbeit. (Foto: Dr. Volker Brendow)
Als Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Bodenforschung hatte Dr.
Jens Kulick die Goldlagerstätten im Eisenberg bei Korbach und die
Geschichte des Bergbaus über Jahrzehnte hinweg untersucht. Dabei stieß
er immer wieder auf Funde, die von den ehemaligen Bewohnern der Burg und
des späteren Schlosses herrührten. Der Geologe mit einer ausgeprägten
Vorliebe für die Archäologie, der es wie kaum ein anderer verstand,
Menschen für die Wissenschaft zu begeistern, scharte bald eine Gruppe
von Idealisten um sich, die eine Arbeitsgemeinschaft (ARGE Grabung
Eisenberg) gründeten und im Sommer 1974 begannen, an Hand von
Grabungsschnitten die Entwicklung und Datierung der Gebrauchskeramik vom
Mittelalter bis zur frühen Neuzeit zu erforschen.
Als Fundstätten von Keramik und allerlei Werkzeugen und Geräten dienten
den „Ausgräbern" vor allem die Gräben, in denen der Abfall der
Schlossbewohner landete. Aus der relativ begrenzten Aufgabe, die sich
die Arbeitsgemeinschaft gestellt hatte, wurde eine große
Herausforderung, als die Domanialverwaltung Interesse zeigte und Mittel
und Arbeiter zur Verfügung stellte und auch der „Naturpark Diemelsee"
mit ins Boot stieg. Jetzt wurde die Grabung auf den Burg- und
Schlossbereich ausgedehnt, und die Grundmauern aus den verschiedenen
Epochen wurden gesichert und restauriert. In den Sommermonaten konnten
Spaziergänger an jedem Wochenende und in den Sommerferien die
Freiwilligen um den unermüdlichen Jens Kulick hier sehen, wie sie mit
sorgfältigem Eifer in der Erde buddelten. Manche Familien hatten ihre
kleinen Kinder mitgebracht, die im Laufe der Jahre am Rande der
Ausgrabungen in freier Natur groß wurden. Einige, die Studium oder Beruf
in die Ferne verschlug, sprangen ab, andere kamen hinzu. Es war spannend
zu verfolgen, wie allmählich die Grundmauern der hufeisenförmigen
Kernburg zutage traten, die von Graben und Wall umgeben war. Der
Burgbrunnen wurde entdeckt, die „neue Kirche" und das später auf dem
Vorgelände gebaute kleine Renaissanceschloss nahmen Gestalt an. Unter
manchen Türschwellen fand man merkwürdigerweise Tiergerippe, die Dr.
Kulick später als Bauopfer identifizierte. Auch eine Reihe von anderen
Funden, so die kleinen Gefäße zwischen dem Pflaster im Pferdestall,
weisen auf abergläubische Bräuche hin.
Von ganz besonderem Interesse sind die - zerbrochenen - kostbaren
Gläser, die Schüsseln und Krüge und die mit reichem Figurenschmuck
versehenen Renaissancekacheln, die von den kostbaren Kachelöfen
stammten. Sie sind in einer besonderen Abteilung im Korbacher
Wolfgang-Bonhage-Museum ausgestellt. Hier gewinnt man auch einen
Eindruck davon, wie die Menschen auf dem Eisenberg früher lebten: In
großer Menge gefundene Tierknochen geben beispielsweise Aufschluss
darüber, welches Fleisch bevorzugt wurde. Dass die hohen Herrschaften
mindestens bei besonderen Gelegenheiten große Feinschmecker waren,
beweisen die zahlreichen Austerschalen, die in Eilritten zu den
Verbrauchern gebracht wurden. Wer sich bei einem Besuch auf dem
Eisenberg in die Geschichte der alten Burg und der späteren
Schlossbauten vertieft, sollte unbedingt auch das Museum in Korbach
aufsuchen.
Mehr als zehn Jahre haben die Ausgrabungen auf dem Eisenberg gedauert.
Heute sind die Reste der Burg auf dem Eisenberg ein besonderes
touristisches Glanzlicht. Einige Monate nach seinem Tod am 11. Dezember
1996 wurde auf dem Eisenberg an der Mauer neben dem Burgtor eine
Gedenktafel zur Erinnerung an den unvergessenen Jens Kulick enthüllt:
„Dem Ritter für Natur- und Denkmalschutz und Leiter der Ausgrabungen der
Burg Eisenberg - Jens Kulick 1931 - 1996".
Am 3. Juni 1905 wurde der
Georg-Viktor-Turm eingeweiht
Ein großes Fest für die Waldecker auf dem Eisenberg bei Korbach -
Nach dem Bericht in der „Corbacher Zeitung" vom 6. Juni 1905
Arbeiter
beim Bau des Georg-Viktor-Turms auf dem Eisenberg. Es war eine wacklige
Angelegenheit, das Baumaterial, das mit Pferdewagen auf den Eisenberg
geschafft worden war, über die Holzrampen in die Höhe zu befördern.
Rechts neben dem Tor in dunkler Kleidung der Korbacher Maurermeister
Heinrich Illian.
Die Feier zur Einweihung des Georg-Viktor-Gedächtnisturmes auf dem
Eisenberg bei Korbach am 3. Juni 1905 bewegte schon wochenlang vorher
die Gemüter im Waldecker Land. In Korbach, Lengefeld und Goldhausen
wurden die Häuser und Straßen festlich geschmückt. Ganz besonders hatten
sich die Korbacher ins Zeug gelegt, ihre Stadt im schönsten Licht
erscheinen zu lassen. Schon am Vorabend des großen Festes zogen Gäste
und Einheimische in großen Scharen durch die Hauptstraßen der Stadt und
bewunderten die überaus reichen und geschmackvollen Dekorationen. Am
Bahnhof, dem Berndorfer Tor, am Waldecker Hof und am Lengefelder Tor
erhoben sich imposante Ehrenpforten. Straßen und Häuser prangten im
reichen Tannen-, Girlanden- und Fahnenschmuck. Vor der Peterschen Villa
war ein herrlicher Triumphbogen errichtet, der in Hunderten von
elektrischen Lichtern erstrahlte. An der Ehrenpforte vor dem Berndorfer
Tor prangten, ebenfalls im Schmuck des elektrischen Lichts, die
Initialen F. (Friedrich) und B. (Bathildis) sowie das Stadtwappen mit
dem heiligen St. Kilian und der Waldecker Stern (Korbach war eine der
ersten Städte in Deutschland, die ein eigenes Elektrizitätswerk besaßen.
Es wurde 1893 durch den Gründer der Akkumulatorenfabrik A.G. Hagen -
Berlin, Adolf Müller, ins Leben gerufen, der einer Korbacher
Kaufmannsfamilie entstammte. Erst durch den Bau der Edertalsperre wurde
die Elektrifizierung von ganz Waldeck möglich). Unter der Leitung des
Bahnmeisters wurden der Wartesaal und die Umgebung des Bahnhofs festlich
dekoriert. Auf der Höhe des Kiliansturms wehten zwei Fahnen. Es war
alles getan worden, was die Herzen der patriotisch gesinnten Waldecker
höher schlagen ließ.
Feierliche
Einweihung des Georg-Viktor-Turms
Am mit Tannengrün geschmückten Rednerpult Fürst Friedrich zu Waldeck und
Pyrmont bei seiner Ansprache. Zu beiden Seiten des Turms sind
Abordnungen von Vereinen mit ihren Fahnen postiert. Vorn stehen
zahlreiche Ehrengäste mit Cut und Zylinder. Bei der Enthüllung des
Porträt-Reliefs gab es eine kleine Panne: Das Tuch hatte sich verhakt.
Festteilnehmer von nah und fern
Sämtliche Kriegervereine in Waldeck und die Waldecker Vereine von Essen,
Hagen, Bremen und vielen anderen Städten waren eingeladen, ebenso alle
Bürgermeister, Pfarrer und Förster des Landes. Ein Extrazug brachte die
Ehrenkompanie und die Bataillonskapelle von Arolsen nach Korbach.
Ein Sonderzug, der am Sonnabend um 8.15 Uhr eintraf, brachte zahlreiche
Festteilnehmer und die Ehrenkompanie, die mit der Fahne unter klingendem
Spiel durch Korbach und Lengefeld auf den Eisenberg zog. Bald darauf
wurden in zahlreichen Kutschen und Wagen aller Art die Vertreter der
Vereine und die Ehrengäste zum Eisenberg befördert. Der Berichterstatter
der Corbacher Zeitung schreibt, dass „ die weite Chaussee einem
Heerlager glich".
Um 10.30 Uhr erfolgte die Aufstellung der Vereine. Die
Fahnen-Deputationen waren an beiden Seiten des Turmes mit etwa 60 Fahnen
und Bannern gegenüber dem Fürstenzelt aufgestellt, daneben die
Ehrenkompanie der 83er, die aktiven und die Reserveoffiziere, die
Forstbeamten, die Kriegervereine. Auf den Tribünen fanden die
Ehrengäste, die Geistlichen, das Komitee und die Sänger Platz. Auch die
Vertreter der Landes- und Kreisbehörden waren vertreten.
Der Fürst mit Gefolge
Die fürstlichen Herrschaften Fürst Friedrich zu Waldeck und Pyrmont war
mit seiner Familie und den hohen Gästen inzwischen mit einem Sonderzug
in Korbach eingetroffen und wurde dort von den Vertretern der Stadt
begrüßt. Mit Kutschwagen fuhren die Herrschaften dann über Lengefeld und
durch Goldhausen zum Eisenberg, wo sie um 11.30 Uhr eintrafen. Die Musik
spielte „Heil dir im Siegerkranz" und „Unter allen Landen deutscher
Erde", das spätere Waldecker Lied.
Der Fürst und seine Gäste nahmen im Fürstenzelt Platz. Zugegen waren:
Fürst Friedrich, Fürstin Bathildis, Erbprinz Josias, Prinz Max, Hofdame
Frl. v. Mauve, Flügeladjutant Oberst v. Apell, Kabinettsrat v. Hadeln,
Ordonnanzoffizier, Hptm. v. Winterfeld, die Fürstin-Witwe, Prinz Wolrad,
Hofdame Frau v. Schmidt-Hirschfeld, Erzieher Herr v. Haller, Fürst und
Fürstin zu Bentheim mit Prinzessin Viktoria, die Herzogin v. Albany mit
ihrer Hofdame Lady Moretin und Hofmarschall Sir Robert Collins, Erbprinz
und Erbprinzeß von Erbach-Schönberg, der König und die Königin vom
Württemberg mit der Hofdame Gräfin v. Zeppelin und Oberkammerherr v.
Rasseler, Flügeladjutant Hptm. Dörtenbach und Oberstleutnant v. Behling,
Erbprinz und Erbprinzeß v. Wied, die Grafen Hermann und Friedrich zu
Waldeck und folgende Herren, die dem Fürsten Georg Viktor nahe standen:
Präsident v. Hadeln, Oberjägermeister v. Estorff, Hofrat Dr. v. Möhlmann,
Landesgerichtspräsident v. Stockhausen, Regierungspräsident v.
Puttkamer, Regierungspräsident v. Sommerfeld, Exzellenz Frhr. v.
Wintzigerode und Hofrat Dr. Marmel. Auch die Vertreter der Landes- und
Kreisbehörden waren vertreten.
Ein Männerchor unter Leitung von Lehrer Röhl sang mit Musikbegleitung: „
Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre".
Der Vorsitzende des Denkmalkomitees, Kreisamtmann Waldschmidt, hielt die
Festrede. Dann wurde das Reliefbild des Fürsten Georg Viktor enthüllt,
ein Werk des Bildhauers Friedrich Volke. Der 23 Meter hohe Turm wurde
von Landesbauinspektor Wilhelm Müller entworfen und von Maurermeister
Heinrich Illian in Korbach gebaut. Das Material besteht aus Kalkstein,
die Einfassungen aus Sandstein.
Wappenstein vom alten Schloss
Am Aufgang zum Turm ist ein Wappenrelief vermauert, das aus der Zeit um
1520 stammt. Es zeigt die Wappen des Grafen Philipp III. und seiner
Gemahlin Anna v. Cleve. Der alte Wappenstein soll in Lengefeld vermauert
gewesen sein und erst beim Bau des Aussichtsturms wieder auf den
Eisenberg gekommen sein. Außerdem sind in dem Raum unter der Treppe
ehemalige Landesgrenzsteine eingemauert. Sie zeigen den Waldecker Stern
und das Kreuz des ehemaligen Erzbistums Köln.
Herrlicher Rundblick
Vom Turm aus hat man einen herrlichen Rundblick. Man erkennt den
Desenberg, den Dörnberg, den Herkules bei Kassel, das Hohe Gras, die
Eder- und Lahnberge, die Berge des Sauerlandes und den Dommel bei
Rattlar. Nachdem die fürstlichen Herrschaften Kränze zu Ehren des
Fürsten Georg Viktor niedergelegt hatten, bestiegen sie den Turm. Das
Fürstenpaar unterhielt sich mit bekannten Persönlichkeiten, auch mit dem
„letzten Bewohner des Eisenbergs", dem Lehrer Albert Hopff.
Ein wahrer Ordenssegen
Das Verdienstkreuz IV. Klasse wurde verliehen an Kreisamtmann
Waldschmidt, Bauinspektor Müller, Bürgermeister Steinrück, Hauptmann d.
L. v. Hanxleden, Forstmeister Kruhöffer und Prof. Dr. Karl Drescher in
Bonn. Das Ehrenkreuz erhielten Gutsbesitzer Grebe, Helmscheid, und
Sparkassenrendant Rhode in Langenberg. Der Bildhauer Fritz Volke in
Steglitz bekam die Medaille für Kunst und Wissenschaft und der
Maurermeister H. Illian die goldene Verdienstmedaille.
Frühstück im Waldecker Hof
Um 12.15 Uhr fuhren die Fürstlichkeiten über Nordenbeck nach Korbach, wo
der Kreisvorstand ein Frühstück im Waldecker Hof gab. Die Abfahrt nach
Arolsen erfolgte um 15 Uhr mit dem Kutschwagen. Hier fand um 19.30 Uhr
im Schloss eine Galatafel für etwa 100 Personen statt.
Seit der Einweihung wird der Turm viel besucht. Im Jahre 1955
veranstaltete der Bürgerverein „Sankt Kilian", Korbach, aus Anlass des
50-jährigen Bestehens ein Turmfest auf dem Eisenberg, bei dem auch
einige alte Maurer zugegen waren, die noch am Turmbau gearbeitet hatten.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auf dem Turm Antennen
für den Polizeifunk und Anlagen für das Fernsehen installiert. Außerdem
ließ die Domanialverwaltung eine neue Treppe einbauen und andere
Reparaturarbeiten vornehmen.
Am 16. und 17. Juli werden die Goldhäuser und ihre Gäste mit einer
Jubiläumsfeier an den Tag vor hundert Jahren denken, an dem der
Georg-Viktor-Turm mit einem großen Fest in patriotischer Hochstimmung
eingeweiht wurde.
„Durchlauchtigster Fürst und
Landesherr!"
Eine Erinnerung an die Einweihung des Georg-Viktor-Turms
Von Eduard Bunte (1885 - 1956)
Am 30. Mai 1955 fand auf dem Eisenberg aus Anlass der Wiederkehr des
Tages der Einweihung des Georg-Viktor-Turmes vor 50 Jahren eine Feier
statt.
Als ich den Bericht über die Veranstaltung in der Waldeckischen
Landeszeitung las, tauchte bei mir die Erinnerung an eine Begebenheit
auf, die ich vor 50 Jahren dort erlebt habe.
Nicht lange vor dem 3. Juni 1905 machte ich von Lelbach aus, wo ich seit
ein paar Monaten als neugebackener Schulmeister amtierte, einen
Spaziergang zum Eisenberg, nicht zuletzt deshalb, um mir den in einigen
Tagen zur Einweihung kommenden Turm zuvor anzusehen. Ich wollte sogar in
einem bei dieser Gelegenheit auftretenden, von Oberschullehrer Hopf
geleiteten Männerchor - Gehrock war vorgeschrieben! - mitsingen. Es war
ein herrlicher Frühlingstag. Gemächlich wanderte ich bergan. Dabei ließ
ich botanisierungslüstern meinen Blick bald nach rechts, bald nach links
schweifen. Es sollte doch irgendwo im Eisenberger Waldbezirk der nicht
gerade häufig vorkommende Türkenbund wachsen. Karl Hopf, der schon
damals durch seine hervorragende Pflanzenkenntnis bekannt war, hatte
davon erzählt.
Ohne mir dessen recht bewusst zu sein, war ich so am Rande des
Turmplatzes angelangt. Da hielt ich plötzlich erschrocken im
Weiterschreiten inne. Was war denn das? Weithin schallend tönte es mir
entgegen: „Durchlauchtigster Fürst und Landesherr! Allerdurchlauchtigste
und Durchlauchtige Anverwandte!" Ich wusste nicht, wie mir geschah.
Solche Titulationen für mich armen Dorfschulmeister mit einem
Monatsgehalt von - ich erinnere mich wohl recht - achtundsechzig Mark
und fünfzig Pfennig! Da konnte man ja größenwahnsinnig werden! Der mir
unbekannte Redner machte eine Pause. Dann fuhr er fort: „Haben Sie mich
verstanden?" „Jawohl", war ich geneigt zu sagen. Aber es verschlug mir
den Atem. Da tönte aus dem Gebüsch jenseits eine Stimme: „Im allgemeinen
ganz gut, Herr Kreisamtmann." Ach so, der Herr Kreisamtmann! Im Nu hatte
ich die Situation erfasst. Der damalige Kreisamtmann Waldschmidt übte
gerade die Rede ein, die er am Einweihungstage des Turmdenkmals halten
wollte, und ließ sich dabei von jemandem in Bezug auf Lautstärke
kontrollieren. Ich stand still, bis der Redner seine weiteren
Ausführungen beendet hatte. Dann trat ich näher und besah mir den
vollendeten Bau und die errichteten Tribünen.
Recht erheitert trat ich den Rückweg an. Türkenbund fand ich an diesem
Tage nicht. Später aber sah ich ihn in Mengen an einem bestimmten Platz.
Aber inzwischen habe ich die Fundstelle längst vergessen.
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